Zukunft der Baustoffe in Forschung und Praxis

IBAUSIL 2012, WEIMAR/GERMANY (12.–15.09.2012)
Zum 18. Mal treffen sich Baustoffexperten aus der ganzen Welt zur Internationalen Baustofftagung „ibausil“ in ­Weimar/Deutschland. Dem Team vom F. A. Finger-Institut für Baustoffkunde der Bauhaus-Universität Weimar ist es auch in diesem Jahr gelungen, ein überaus interessantes Vortragsprogramm zusammenzustellen. Die ZKG hat bei Prof. Dr.-Ing. Horst-Michael Ludwig, dem Vorsitzenden des Tagungskomitees und Leiter der Professur Werkstoffe des Bauens an der Bauhaus-Universtität Weimar, nachgefragt, was die Teilnehmer auf der ibausil erwartet.


ZKG: Herr Prof. Ludwig, die nächste ibausil steht vor der Tür. Wie viele Teilnehmer erwarten Sie und aus welchen Fachgebieten und Ländern kommen diese?
Horst-Michael Ludwig: Schon die Anzahl der angemeldeten Vorträge lässt das große Interesse an der ibausil erkennen. Über 500 Vorträge wurden eingereicht von denen wir allerdings leider nur ca. 300 annehmen konnten. Wir rechnen wieder mit ca. 700 Teilnehmern aus über 40 Ländern. Dabei sehen wir die ibausil nach wie vor auch als Plattform für Fachdiskussionen zwischen Baustoffwissenschaftlern aus Ost und West. Die Deutsche Forschungs­gemeinschaft (DFG) unterstützt uns dabei in dankenswerter Weise und ermöglicht durch ihren finanziellen Beitrag auch die Teilnahme von Wissenschaftlern aus Osteuropa und aus dem Bereich der ehemaligen GUS-Staaten.


ZKG: Was beschäftigt die Baustoffbranche zurzeit und welche Themen davon werden auf der ibausil behandelt?
Horst-Michael Ludwig: Wie in vielen anderen Bereichen der Industrie stehen auch für die Baustoffbranche die Themenstellungen Nachhaltigkeit und Klimaschutz ganz oben auf der Agenda. Entsprechende Beiträge werden auf der ibausil einen großen Raum einnehmen. Dabei werden neue Ansätze zur Herstellung und Anwendung CO2-ärmerer Baustoffe genauso thematisiert, wie die wichtige Frage der Schonung natürlicher Ressourcen und des Baustoffrecyclings. Ein großes Thema ist natürlich nach wie vor die Betondauerhaftigkeit, die ja indirekt mit Ressourcenschonung zu tun hat. Auch diese Thematik ist mit einer Vielzahl von Fachvorträgen prominent auf der ibausil vertreten, wobei die Problematik der Alkali-­Kieselsäure-Reaktion mit einer eigenen Session den größten Raum einnimmt. Weitere Schwerpunkte bilden grundlegende Fragestellungen zu den Erhärtungsmechanismen der unterschiedlichen Bindemittel, die verschiedenen Wechselwirkungen von Zusatzmitteln und Bindemittel, die Entwicklung und Anwendung von Sonderbetonen und die Bauwerksprävention und Gebäudesanierung.


ZKG: Gibt es neue Formate oder Änderungen in Bezug zur letzten ibausil im Jahr 2009?
Horst-Michael Ludwig: Die ibausil hat sich über viele Jahrzehnte hinweg zu einer der größten und erfolg­reichsten Baustofftagungen in Europa entwickelt. Vor diesem Hintergrund setzte ich auf Kontinuität und möchte die erfolgreiche und engagierte Arbeit meines Vorgängers – Herrn Professor Stark – fortsetzen. So gibt es auch nur zwei kleinere Änderungen gegenüber früheren Tagungen. Bei den beiden letzten ibausil-­Veranstaltungen konnten wir feststellen, dass die Tagung im Gegensatz zu früher auch immer mehr Teilnehmer aus Westeuropa und Übersee anzieht. Deshalb haben wir uns diesmal entschlossen, im Hauptsaal 1 eine simultane Übersetzung Deutsch/Englisch und Englisch/Deutsch an­zubieten. Desweiteren wird den großen Themenblöcken jeweils ein Generalbericht vorangestellt, um in die Gesamtproblematik einzuführen und den derzeitigen Wissensstand darzustellen.


ZKG: Besonders die Baustoffindustrie schaut natürlich mit Spannung auf die ibausil. Welchen Informationszuwachs können Teilnehmer aus der Produktion von der Konferenz erwarten?
Horst-Michael Ludwig: Viele Beiträge werden sich mit der Produktion und der Anwendung von Zementen mit mehreren Hauptbestandteilen außer Klinker beschäftigen. Die Senkung des Klinkerfaktors über alternative Hauptbestandteile im Zement ist momentan eines der Hauptinstrumentarien für die Zementhersteller, um die CO2-Emission bei der Herstellung zu senken. Für die Leistungsfähigkeit dieser Kompositzemente spielen neben der Auswahl geeigneter Materialien ein optimaler Herstellungsprozess und eine moderne Produktionsüberwachung die ausschlaggebende Rolle. Aber natürlich bietet die ibausil immer auch die Möglichkeit für die Baustoffhersteller, aktuelle Trends oder auch Problemstellungen bei der Anwendung der von ihnen produzierten Baustoffe zu erfahren und daraus Rückschlüsse für ihre Baustoffproduktion zu ziehen.


ZKG: Wo sehen Sie die Zukunft der Baustoffbranche, z. B. welchen Stellenwert werden Life-Cycle-Ansätze in Zukunft haben?
Horst-Michael Ludwig: Ohne Zweifel werden zukünftig Fragen der Nachhaltigkeit in der Baustoffbranche eine zunehmende Bedeutung einnehmen. Und dabei wird nicht nur die immer rigidere Vorschriften- und Gesetzeslage eine Rolle spielen, sondern auch das neue Selbstverständnis der Baustoffbranche selbst und insbesondere der Kundenseite. Ökobilanzierungen und Environmental Product Declarations (EPDs) sind schon lange kein Marketinginstrument mehr, sondern werden in zunehmendem Maße wichtig bei der Entscheidung von Kunden für ein Bauprodukt. Eine wichtige Konsequenz dieser Entwicklung wird sicher sein, dass die CO2-Emission bei der Herstellung von Zementen zukünftig mit den verschiedensten Instrumentarien weiter gesenkt werden wird. Daneben wird sich die Baustoffbranche aber auch auf zunehmende Anforderungen im technischen Bereich einstellen müssen. Viele Kunden verlangen heute hochspezialisierte Lösungen für ihre konkrete Anwendung. Dies führt im Zementbereich beispielsweise dazu, dass zunehmend Zemente mit individualisierten Eigenschaften angeboten werden, die speziell für verschiedene Anwendungsgebiete optimiert wurden. Diese Entwicklung wird sich, auch vor dem Hintergrund  neuer Herausforderungen im Betonbau wie z. B. den Off-Shore-Windkraftanlagen, noch verstärken.


ZKG: In Weimar sind Sie ja instrumentell gut ausgerüstet. Gibt es am F. A. Finger-Institut neue Ergebnisse zur Zement­hydratation bzw. woran arbeiten Sie derzeit?
Horst-Michael Ludwig: Einleitend möchte ich betonen, dass wir uns am Institut natürlich nicht nur mit Zement und Beton beschäftigen. Allein an meiner Professur arbeiten 10 verschiedene Arbeitsgruppen auf den unterschiedlichsten Themenfeldern vom Holz bis zum Baustoff­recycling. Aber natürlich bilden die Themenfelder Zement und Beton traditionell einen Schwerpunkt am Institut. Im Bereich der Hydratation der Zementklinkerphasen beschäftigen wir uns momentan intensiv mit den Hydratationsmechanismen des Alits. Inzwischen konnten wir nachweisen, dass die Hauptklinkerphase nicht in einem Schritt, sondern über eine intermediäre Zwischenphase hydratisiert. Das Verständnis dieses Grundmechanismus bietet Potenzial in vielerlei Hinsicht, so beispielsweise für eine völlig neue Bindergeneration, die auf der Basis dieser reaktiven Zwischenphasen funktioniert. Auf der anderen Seite gilt unser Hauptaugenmerk auch der Untersuchung und Weiterentwicklung von reaktiven Kompositmaterialien, die heute noch nicht im großen Maßstab im Zement eingesetzt werden. Insbesondere die calcinierten Tone und die Stahlwerksschlacken nehmen dabei in der FIB-Forschung einen großen Raum ein.


ZKG: Welches Fazit möchten Sie nach der Tagung ziehen können?
Horst-Michael Ludwig: Ich würde mich sehr freuen, wenn es uns auch bei der diesjährigen ibausil gelingen würde, eine Plattform für die verschiedenen Bereiche der Baustoffforschung und -anwendung zu bieten. Dabei liegt uns insbesondere am Herzen, Fachleute aus Ost und West, aber auch aus Forschung und Industrie zusammenzubringen, die sonst selten die Möglichkeit der unmittelbaren Kommunikation haben. Wenn wir das Fazit ziehen können, dass wir diese Kommunikationsplattform zur Verfügung stellen konnten, wären wir hoch zufrieden.


ZKG: Vielen Dank für das Interview.

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